Bolivien & Peru – auf der Überholspur

Bolivien Peru Südamerika Travels

Es ist noch früh am Abend und wir liegen im Bett unseres Hotels. Vor dem Fenster sieht es aus wie am Bodensee, nur sind wir hier nicht in Konstanz oder Meersburg, sondern in Copacabana, am Titicacasee in Bolivien. So versprüht auch dieser Ort weit weniger Glamour als sein brasilianisches Pendant: ganz im Gegenteil, hier ist es dreckig und wirkt auch wenig einladend.
Wir lesen gerade das Kapitel über Bolivien und Peru, aus dem Buch ‘die beste Entscheidung unseres Lebens’, welches wir von meinen Eltern zur Reise geschenkt bekommen haben. Wir können gar nicht so häufig nicken, wie zutreffend die zwei ihre Erlebnisse aus diesen zwei Ländern schildern. Teilweise müssen wir lauthals lachen – die Formulierungen treffen einfach so perfekt ins Schwarze.

Doch der Reihe nach: angekommen in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, lag bereits eine wahre Odyssee hinter uns. Mit dem Bus verließen wir das triste Uyuni, um über Potosí (mit mehr als 4000m eine der höchstgelegenen Städte der Welt) nach Sucre zu gelangen, der im Grunde einzig sehenswerten Stadt in Bolivien. Dazu muss man wissen, dass Bus fahren in Bolivien und Peru so eine Sache für sich ist. Zuerst einmal wird der Bus vor der Abfahrt mit allem beladen was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Ob Frau, Kind oder Ziege, alles kommt mit an Bord. Für gewöhnlich eine Weile später als geplant beginnt die fröhliche Sause, doch nicht ohne einen Zwischenstopp vor einem Süßigkeiten-Laden, wo die Leute sich aus dem Bus heraus noch schnell eine Cola oder ein Eis kaufen. Die ersten Ungeduldigen fangen schon an “Vamos!” zu rufen, denn eine alte Frau diskutiert schon seit 15 Minuten ob sie und ihre Enkelin nicht doch noch mitfahren dürfen, obwohl es nur noch einen freien Platz gibt. Letztendlich verbringt das Mädchen die Fahrt sitzend auf dem Boden und es geht endlich los! Doch dann bleiben wir plötzlich wieder stehen und warten eine Ewigkeit auf irgendwas, ich weiß nicht worauf. Aus unbekanntem Grund geht die Fahrt dann irgendwann weiter. Ab und zu steigt jemand aus und verschwindet in einem kleinen Dorf. Manchmal steigt auch jemand ein, wo auch immer der hergekommen sein mag. Angekommen in Potosí hieß es sogleich den Bus nach Sucre zu erwischen. Nach weiteren 4 kurvenreichen Stunden im Bus war es endlich soweit und wir erreichten Sucre.

An diesem Tag im Bus machten wir uns viele Gedanken über unsere Reise im Allgemeinen und insbesondere auch über Bolivien und unsere bisherigen Erlebnisse in Südamerika. Unübertroffen waren unsere 6 Wochen in Afrika, zu Beginn der Reise. Auch trotz so manchem schlimmen Erlebnis hat uns dieser Kontinent erneut verzaubert. Es folgten schöne, eindrückliche aber auch anstrengende Wochen in Feuerland und Patagonien. Wir reisten Chile der Länge nach Richtung Norden und fanden in der Atacama-Wüste, dem angrenzenden Altiplano und der Salar de Uyuni die wohl schönsten und atemberaubendsten Landschaften vor, die wir jemals sehen durften. Doch hier in Bolivien war es anders. Wir beobachteten lange die Menschen, wie sie sich verhalten, miteinander und mit uns umgehen. Und uns erschloss sich der Grund unserer Anwesenheit nicht. Es war hier dreckig, ein wenig trostlos und vor allem: die Menschen waren unheimlich unfreundlich. Wir fühlten uns einfach unwohl und ein wenig fehl am Platz. Immer wenn man sich bei solchen Gedanken ertappt, überkommt einen auch ein schlechtes Gefühl. Will man sich wirklich über das Privileg beschweren, ein fernes Land bereisen zu dürfen und das auch noch einigermaßen komfortabel? Wohl eher nicht. Aber es ist schwer für uns zu akzeptieren, dass sich die meisten Menschen hier mit ihrer Armut und dem daraus resultierenden tristen Alltag abgefunden haben. Es ist schwer für uns mit ansehen zu müssen, wie sie ihr weniges Geld für CocaCola, Süßigkeiten und Folgemilch von Nestlé ausgeben. Doch kann man es ihnen verübeln? Leider ist auch hier wieder die fehlende Bildung der springende Punkt und in naher Zukunft wird sich daran auch nichts ändern. Es ist schwer zu beschreiben, wieso uns die z.T. noch krassere Armut in Afrika weniger ausgemacht hat. Vermutlich sind es die herzlichen Menschen dort, die trotz prekärer Lebensverhältnisse meist ein Lächeln auf den Lippen haben.

Wohl nirgends haben wir so häufig mit anderen Reisenden über Gefühle und Gedanken gesprochen, wie in Bolivien. Und es ging erstaunlich vielen verdammt ähnlich. Nicht desto trotz genossen wir es sehr in Sucre mal wieder eine Weile an einem Ort zu verweilen, uns zu sammeln und den zweiten Teil unserer Weltreise zu organisieren. Flüge mussten gebucht werden, einen Camper für Neuseeland, und und und. Dabei stellte sich Sucre wirklich als sehr sehenswert heraus und zudem auch noch als außergewöhnlich sicher, was will man mehr! Wir entschieden uns, den nächstbezahlbaren Flug nach Mexiko, Cancún zu buchen und somit die Zeit in Bolivien und Peru erheblich zu verkürzen. Wirklich traurig waren wir darüber nicht.

Janikas Geburtstags – Frühstück 🙂

In Sucre traf sich Janika mit Malin einer ehemaligen Kollegin aus dem Café, die zufällig auch in der Stadt war.

Fast täglich gingen wir auf den Markt und deckten uns mit frischen Früchten ein. Die Berge an roten Mangos und riesigen Maracujas waren einfach unwiderstehlich!

Einmal kochten wir so richtig bolivianisch. Es gab Papa Rellenas – angebratene, zerstampfte Karoffeln mit Ei – gefüllt mit Hackfleisch und Petersilie. Alles frisch vom Markt und wirklich lecker!

Schließlich verließen wir dennoch schweren Herzens das schöne Sucre und unsere noch schönere Unterkunft, um über Nacht nach La Paz zu gelangen, dem höchstgelegenen Regierungssitz der Welt und heimliche Hauptstadt Boliviens. Froh die Nachtfahrt überlebt zu haben, was in Anbetracht so mancher Überholmanöver nicht selbstverständlich ist, kamen wir in La Paz an. Dort war kein längerer Aufenthalt geplant, weil diese Stadt alles in sich vereint, was wir gemeinhin unter Moloch verstehen. Sie gilt als gefährlich und der Blick aus dem Fenster reichte uns um zu wissen, dass wir hier schnellst möglichst wieder weg wollten. Also haben wir am Morgen direkt den nächsten Bus genommen, der uns nach Copacabana, am Titicacasee, bringen sollte. Unseren ersten Eindruck hiervon schilderten wir ja bereits. Mit neutralem Blick kann man diesen höchsten, beschiffbaren See der Welt (noch so ein Superlativ) bestimmt etwas schönes und eindrückliches abgewinnen, aber wir waren müde vom ständigen WOW und Erleben müssen. Wir verspürten einfach keine Lust eine Bootstour auf die Isla del Sol zu unternehmen, wo man noch das ursprüngliche Leben auf dem See sehen könnte.

So lagen wir also in diesem Bett, mit Blick auf den Titicacasee und lasen weiter in unserem Buch. Die beiden Protagonisten waren bereits in Peru angekommen und ihr Besuch am berühmten Machu Picchu stand bevor. Auch wir mussten uns entscheiden, ob wir in Peru die Route Cusco / Machu Picchu, über die Anden bis nach Lima, oder über Arequipa und die Pazifik-Küste bis nach Lima nehmen. Also wollten wir uns gerne einen Ratschlag von bereits dort gewesenen anhören und was wir da lasen, war sehr lesenswert. Hier ein kleiner Auszug aus dem Buch ‘die beste Entscheidung unseres Lebens’, der uns hoffentlich keine lizenzrechtlichen Probleme bereitet:

“Man kann sich vorstellen, dass dieser wahnsinnige Run auf das UNESCO Weltkulturerbe der Menscheit (…) nicht gut bekommt. Die Ruinen sind müde von den tausend Tritten der Touristen, den Wanderstiefeln und Nordic-Walking-Stöcken, Kamera-Stativen und Kaugummis. Der Bausubstanz der »verlorenen Stadt« ging es einmal besser, als sie noch verloren war. Kein gutes Gefühl, Teil hiervon zu sein. Man möchte sich klein machen. Und auch die Magie zieht sich zurück, sie ist ein scheues Phänomen; wenn man sie umzingelt und ständig von ihr spricht, verschwindet sie. Das mag sie nicht. Andere sehen das anders, sie legen ihre Hände auf die kolossalen Steine und spüren die Energie. Sie breiten ihre Arme aus wie Hohenpriester in Funktionskleidung und legen den Kopf zurück, bis es im Nacken knackt und leise der Selbstauslöser klickt. Natürlich ist der Machu Picchu beeindruckend (…) und doch fragt man sich: musste ich hierherkommen und mich dem touristischen Wahn anschließen? War das wirklich nötig? Einmal gestellt beantworten sich die Fragen von selbst.”

Wir hätten es nicht treffender formulieren können.

Für mich war es indes immer wichtig, wenn wir den Machu Picchu besichtigen, dann nur mit einer Wanderung, über den sog. Salkantay-Trek, einen alten Inka-Weg. Hier läuft man einige Tage über die Anden, durch schweißtreibenden Regenwald und krönt seine Anstrengungen schließlich mit dem Anblick der ‘verlorenen Stadt’. Doch Bolivien und Peru werden derzeit von einer schlimmen Regenzeit heimgesucht und das hieß für uns: wenn Machu Picchu dann ohne Wanderung und vielleicht wolkenverhangen und regnerisch. Nee danke. Ich für meinen Teil werde definitiv am diesen Ort zurück kommen und mir eine eigene Meinung bilden, doch das dann in der Trockenzeit.

Die Entscheidung nach Arequipa zu fahren war gefallen, doch davor hatten wir noch die wohl schlimmste Busfahrt bisher zu überstehen. Nicht dass sie besonders lange dauerte, 10 Stunden Fahrtdauer oder mehr sind für uns schon keine Seltenheit mehr. Nein, es waren vielmehr die Straßen und der unsäglich dumme Busfahrer, die uns mal wieder jede Menge Nerven kosteten. Die bereits erwähnte Regenzeit hüllte die Bergwelt in dichten Nebel, so dass die Sichtweite mitunter keine 10m betrug. Dabei ging es steil bergab, mit abenteuerlichen Kurven an dessen Ende unzählige Kreuze von weniger glücklichen Verkehrsteilnehmern zeugten. Obwohl es in solchen Kurven mitunter hunderte Meter hinabging dachte der Fahrer erst gar nicht daran, die Geschwindigkeit zu reduzieren, um am Ende nicht auch noch als ebensolches Kreuz am Straßenrand zu enden.


Doch die Altstadt Arequipas sollte uns für die Strapazen entschädigen und wir verbrachten auch hier wieder einige Tage. Hier ereignete sich ein sehr verrückter Zufall: als wir unser Zimmer eines Abends mit großer Lust auf Schokolade verließen, endeten wir in einem Café, wo doch tatsächlich Juliane saß! Wir hatten sie im Torres del Paine in Patagonien kennen gelernt und in San Pedro im Norden Chiles wieder getroffen. Wir freuten uns riesig und verbrachten noch eine gesprächige Zeit im Café. Am nächsten Morgen besuchte Janika mit Juliane einen “Schoko-Kurs”, wo sie einiges über die Köstlichkeit lernten. Unter anderem, dass richtige Schokolade das zweitgesündeste Lebensmittel der Welt ist (nach Quinoa). Na wenn das mal keine gute Nachricht ist.

In Arequipa besuchten wir natürlich auch den Markt, dessen Dach übrigens vom Architekten des Eiffelturms entworfen wurde. Dort gibt es wirklich alles, was man vermeintlich zum Leben braucht. Sogar getrocknete Lama Föten!

Und es gibt hier das wohl beste Queso Helado. Das hat nichts mit Käse zu tun, sondern ist Kokos Eis aus Kondensmilch mit Zimt. Dafür wird die Schüssel im Eisbad gedreht und die äußere angefrorene Schicht abgeschabt.
Fertig sieht das dann so aus. – Lecker!

Eine letzte Bus-Etappe noch und wir waren in Lima angekommen. Der letzte Station auf dem südamerikanischen Kontinent. Wir wetzten noch durch einige Märkte, um einen Last-Minute Alpaka-Textil Einkauf zu tätigen, sahen aber ansonsten relativ wenig von der Stadt. Großstädte in Südamerika gelten im Grunde in den seltensten Fällen als sehenswert, eher als gefährlich und dreckig. Meistens trifft das zu, doch selbst in vermeintlich üblen Städten haben wir recht schöne und sehenswerte Ecken entdeckt, die es wert waren, etwas Zeit dort zu verbringen.

Es ist jetzt 23.30 und wir sitzen im Flugzeug von Lima nach Mexiko-City, um dann bei Tulum an der mexikanischen Karibikküste etwas zu entspannen und neue Kraft zu tanken. Wir wurden von einem jungen Paar angesprochen und bei denen werden wir heute Nacht auf dem Sofa schlafen, mitten in Mexiko-City! Definitiv gemütlicher als auf einer Bank am Flughafen 🙂

Für den zweiten Teil unserer Weltreise geht es auf jene Seite der Welt und in Länder, die für uns beide noch vollkommenes Neuland sind: Indonesien, Sri Lanka, Australien und Neuseeland.

Wir freuen uns!

3 thoughts on “Bolivien & Peru – auf der Überholspur”

  1. Hallo ihr Lieben,

    Nach diesen Erzählungen wundert es nicht, dass ihr auch mit einem lachenden Auge Südamerika verlasst. Aber: Interessante Gedanken, speziell zum Weltkulturerbe!

    Glücklicherweise könnt ihr mit den Eindrücken aus Sucre und Arequipa den Kontinent dann doch noch versöhnlich abschließen.

    Die Erkenntnis aus dem Schokokurs überrascht mich übrigens nicht: Süße Schleckermäuler hatten diesen Verdacht schon lange – nur das mit dem Quinoa müsste man noch mal überdenken…
    Sehr gut gefällt mir auch die Markthalle mit ihrem reichhaltigen Angebot, vor allem Sombrereria und Lamaföten 😉

    Und nun: erholsame Tage am Karibikstrand und wieder viele spannende und beeindruckende Erlebnisse und Begegnungen im “Neuland”

    wünscht euch
    Steffen

  2. Wie cool! Ich werde in eurem Blog erwähnt! 😉 Ich bereite mich gerade schon einmal mental auf Bolivien vor, obwohl das noch weit entfernt ist. Noch bin ich in Nordperu. Aber vielen Dank für die Eindrücke, die ihr hier schildert! Hattet ihr ja auch schon erzählt, ich wollte es aber nochmal nachlesen. Liebe Grüße nach Asien!!! 🤗

    1. Das war ja auch eine sehr erwähnenswerte Begegnung!:) Hoffentlich schwindet bei dir nicht so die Reiselust wie bei uns und unsere negativen Eindrücke schrecken dich nicht zu sehr ab! 🙂 Es gibt bestimmt viel schönes in diesem Land zu entdecken! Und in Sucre haben wir uns echt wohl gefühlt, so eine schöne Stadt hätten wir jedenfalls nicht erwartet! Liebe Grüße zurück nach Peru!! 🙂

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